das letzte stück potsdam.

potsdam ist eine gewissermaßen jämmerliche stadt. für mein stadtauge die wohl uninteressanteste, “unfotogenste” stadt deutschlands (leider der ort meiner arbeitsstätte). seit der wende wird hier alles weggesprengt, -geräumt, -geputzt, was an DDR erinnert. eine neue clique zugezogener a-b-c-x-y-z-promis öffnet die geldschatulle und lässt in entsprechender politischer verwobenheit ein neokaiserlichpreußisches puppenstübchen errichten, eines das es vorher noch nie gab. steril reich und schön. ohne schmutz. alles sauber. alles kontrolliert, aber doch irgendwie weltoffen. perfekt zusammengestellt und inszeniert. der schwarzgrüne wind weht durch alle gassen.

ein sinnbild dieser identifikatorischen entkernung und pseudohistorisierenden metamorphose ist der abriss des fachhochschulgebäudes in der stadtmitte. dieser interessante ddr-bau störte einfach die investoren, euphorisierten neureichen wilhelmsfritzen und geschichtsverblendern bei der optimierung dieses geschäfts-, konsum- und freizeitumfeldes rund um das neue schloss. also weg damit, siehe https://stadtauge.wordpress.com/2018/06/14/potsdam-in-ruinen-oder-weg-mit-dem-architektur-historischen-vogelschiss .

was aber nun schon ein wenig pervers anmutet: fast alle potsdamer*innen vermissen dieses (mittlerweile verschwundene) gebäude irgendwie. diese details, diesen stil, diese identität (von internationalen architektur- und designexperten übrigens als meisterleistung klassifiziert).

so ging ich neulich in ein potsdamer restaurant. und das erste, was mir der küchenchef dort erzählte und vorzeigte, war ein nachgebildetes stück fassade der ehemaligen fachhochschule. es wäre so fancy und hipp und cool, das muss einfach in dieses alte preußische 18. jahrhundert-gebäude rein. beides zusammen ergebe den perfekten mix. genau das wollen die leute. da fühlen sie sich wohl.

vor ein paar tagen der nächste streich: ich war auf einer (durchaus empfehlenswerten) fotoausstellung in der fotogalerie potsdam (https://www.fotogalerie-potsdam.de/programm/). und da sah ich dies da an der wand (siehe bild): wieder ein (nachgebildetes) stück der zerstörten fassade der ehemaligen fachhochschule.

das letzte stück potsdam

ich fragte die umgebenden menschen dort, warum dies ding überhaupt da sei und ob es eine bedeutung hätte und gefällt oder nicht gefällt. da sagten mir alle (jugendliche zwischen 10 und 20), dass das doch von diesem alten gebäude sei, das ja nun leider weggesprengt wurde. aber diese form wäre wohl einfach genial.

nun habe ich ein wenig recherchiert. es ist wohl nun so, dass einige dieser sogenannten fassadensterne zwar abgebaut wurden, aber erhalten bleiben. die fachhochschule potsdam ist nun in besitz dieser reste und überlegt jetzt, diese woanders anzubringen (https://www.pnn.de/potsdam/fachhochschule-in-potsdam-neue-ideen-fuer-80-fassadensterne/22854300.html).

vermutlich wird es als beiläufige verzierung in einem der neu zu bauenden shopping center neben springbrünnchen, sitzgruppe, subwayfiliale, mobilem schmuckverkaufsstand und plastikbaum-arrangement bald wieder auftauchen.

so ist der lauf der dinge…

 

© Daniel Schrödl

 

 

6 thoughts on “das letzte stück potsdam.

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