architektur der armut.

Als Fotoblogger lebt man von der Aufmerksamkeit der Follower. Unklar ist die Frage, mit welchen Mitteln man Aufmerksamkeit erhält bzw. erhalten will. Bilder können einfach nur ästhetisch und schön sein (was immer das auch ist), skurril, überraschend, unklar, abstoßend, schockierend oder phantastisch und phantasievoll. Inwiefern können, dürfen, müssen sie politisch sein?

Beim Thema Armut ist das nicht so leicht. Mir geht es gut, ich lebe in Sicherheit und kann als Luxus in meiner Freizeit Fotografieren gehen. Dies trifft aber auf immer mehr Menschen insbesondere in Berlin nicht (mehr) zu. Ich sehe immer mehr Menschen, die herausgefallen sind, gefallen sind, draußen sind (im wahrsten Sinne des Wortes), nicht (mehr) Baustein unsere westlich-kapitalistischen Anpassungsburgen sind, sein wollen oder können. Die letzten Freiflächen der Stadt werden gerade an Investoren verscherbelt. Und Obdachlose besetzen die letzten Nischen der Stadt, bis sie wieder vertrieben werden. Raus, immer weiter raus. Es werden täglich immer mehr.

Die nun folgende Bilderserie ist ein distanzierter Blick auf die wachsende Architektur der Armut. Ich laufe mit einer Kamera daran vorbei, gebe den bettelnden Menschen Geld, versuche mit ihnen ins Gespräch zu kommen, bin betroffen, bestürzt, will in diesem Zeitpunkt alles tun, um den Menschen zu helfen. Ich will mich aber nicht anbiedern und Intimität vorgaukeln. Und gehe betroffen wieder in mein warmes Zuhause.

Aber ich habe das Bedürfnis, diese Bilder sichtbar zu machen, weil es so – in diesem reichen Land – nicht weitergehen kann.

Deutschland, 2019.

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© Daniel Schrödl

22 thoughts on “architektur der armut.

  1. Danke für Deine Offenheit.
    Nur was real vorhanden ist, kann das Licht reflektieren, durch die Linsenkombination gebrochen werden und über den Chip aufgenommen werden.

  2. Gut gemacht. Es wirkt.
    Besonders dramatisch finde ich bei den von dir fotografierten Unterschlüpfen die erkennbare Sehnsucht nach Form und Ordnung.

  3. So sieht es nicht nur in Deutschland aus. Überall die gleiche Entwicklung. Gefällt mir, dass du das Thema aufgreifst. Eindrucksvolle Bilder!

  4. This is a sad story of the cities… I can almost understand you, photographs sometimes are being more effective than words dear Daniel, Thank you, Love, nia

  5. Lieben Dank Petra!
    Ja es ist ein schockierender Anblick. Und in dieser Stadt wächst täglich die Armut. Ich kann da nicht mehr blind vorbei gehen. Vieles ist aus den Fugen geraten in unserer Gesellschaft. Ich hoffe, dass wir uns bald wieder konkret um diese Fugen kümmern…

  6. Lieben Dank! Es ist derzeit schockierend. Die Armut, die Obdach- und Wohnungslosigkeit nimmt hier täglich zu. Die Bilder entstanden nicht weit weg von meiner Wohnung. Ich bin sehr ratlos, weil die Diskurse in unserem Land, in der Öffentlichkeit, in der Gesellschaft in völlig andere, teils recht abstrakte Dinge gehen. Aber um unser konkretes Leben, wie wir leben (können), geht es irgendwie nicht. An dieser Stelle, wo die Bilder entstanden sind, sollen bald Luxuswohnungen und eine Korallenrifferlebniswelt entstehen, die sich hier keiner wünscht und die keiner braucht. Die Menschen, die derzeit in diesen selbstgebauten Unterkünften leben, waschen sich im dort industriell stark verseuchten Wasser. Es gibt keine Toiletten, es richt überall nach Fäkalien. Auf der anderen Seite rollen die Backer der Investoren heran. Bald werden sie vertrieben, gehen wieder woanders hin, bis sie auch wieder vertrieben werden. Es werden immer mehr. Was können wir tun?
    LG nach Schweden, Daniel

  7. Das hat mich auch sehr schockiert. Am meisten sogar. Ein Zeichen, ein recht zynisches sogar, wie weit wir als Gesellschaft gefallen sind…

  8. Lieben Dank! Ja das mit der Form und der Ordnung ist sehr auffällig. Und hat auch etwas mit Würde zu tun. Es zeigt, dass jede/r Würde hat, braucht, verdient hat, eines guten Lebens würdig ist. Ich hoffe, wir als Gesellschaft bekommen das zukünftig besser hin. Ich hoffe…

  9. Thank you so much, Paula. The situation in Berlin is escalating right now. Recent public discourses are focussing other topics, but not this.

  10. Thank you so much! Well as stadtauge I can´t close my eyes and ignore these development. I hope our societies are more realizing and concretely discussing and solving the growing polarisation und poverty…
    Rainy greetings from Berlin, Daniel

  11. Thank you Harrie. Well, very very sad story/realitiy. Growing social, economic, spatial Polarisation. And recent public discourses are neglecting it and focussing on other things. let´s keep our eyes open!
    Rainy greetings from Berlin, Daniel

  12. Gute Frage Daniel. Was können wir tun? Ich weiss auch nicht. Hier werden auch nur Luxuswohnung gebaut und die Rentner landen auf der Strasse. Die liegen dann irgendwo in einer Fussgängerzone und wenn sie Glück haben besitzen sie einen Schlafsack. Unsere reichen Länder!! denen es vollkommen egal ist wie es den “kleinen” Leuten geht. Kriege mehr und mehr das Gefühl, dass alle Probleme die wir haben bald eskalieren. Dann weiss ich auch nicht was passiert wenn der grosse Knall kommt. Fühlt sich nicht besonders gut an.
    LG in die Heimat. Fühle mich weder deutsch noch schwedisch. Bin eher sveutsch / Marion

  13. Guten Morgen Marion! Lieben Dank für deine Antwort, der ich nur zustimmen kann. Ich hoffe, dass nicht nur Rechtspopulisten in Deutschland und Schweden diese sozialen Fragen aufgreifen und missbrauchen, sondern die Mitte der Gesellschaft. Wir/Viele sind so mit unseren Egotrips und Individualisierungen und dem Privatem beschäftigt, dass wir das Zusammenhaltende (und da meine ich jetzt keine dumme Deutsch- oder Schwedentümelei) und die Demut dem Leben etwas verloren haben. Aber es gibt jeden Tag gute Beispiele, herrliche Menschen und die Möglichkeit, positiv auszustrahlen. Das kann uns keiner nehmen. Was die Obdachlosen angeht: es ist im ersten Schritt wahrscheinlich schon mal gut, sie zu respektieren, ihnen Würde geben, eine würdige Diskussion darüber zu führen.
    Liebe Marion, ich wünsche dir einen schönen Winter(start) in Schweden. Im Herbst und Frühwinter vermisse ich seltsamerweise Schweden am meisten. Die Stille, Ruhe, Lichter, Gemütlichkeit, den ersten Schnee. Ich hatte diese Zeit damals (nov. 2001, nov. 2003, nov. 2009) als sehr schön in Erinnerung. Ja so ist das alles. Liebe Grüße aus dem regnerischen Berlin, Daniel

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